Madeira – Vergiss alles, was du über Strandurlaub weißt
Sandstrand? Fehlanzeige. Sonnenschirme in Reih und Glied? Gibt's nicht. Madeira ist die Insel für alle, die genug haben von Liegestuhl-Urlaub. Stattdessen wanderst du auf schmalen Pfaden entlang uralter Wasserkanäle, stehst auf 1.800 Meter hohen Berggipfeln und badest in natürlichen Felspools, während der Atlantik meterhoch gegen die Lavaklippen schlägt.
Wer hierherkommt und Strandurlaub erwartet, ist falsch. Wer Berge, Blumen und Wanderwege mag, hat den Jackpot gefunden.
Was eine Pauschalreise nach Madeira wirklich bedeutet
Brutale Ehrlichkeit vorab
- ✗ Keine Sandstrände (nur felsige Küste mit Naturpools)
- ✓ Stattdessen: 2.000 km Wanderwege durch jeden Vegetationsgrad
- ✓ Ganzjährig 17-25°C – kein Wintermantel, keine Hitzewelle
- ✓ Anflug ist spektakulär (gilt als schwierigste Landebahn Europas)
Die meisten Pauschalreisen nach Madeira kombinieren Flug mit einem Hotel in Funchal oder an der Südküste. Der Unterschied zu anderen Reisezielen: Hotels hier sind keine Bettenburgen mit Animation und Aquapark. Viele sind ehemalige Quintas (Herrenhäuser) mit subtropischen Gärten, wo du morgens mit Blick auf Bananenpflanzen frühstückst.
Mietwagen lohnt sich. Zwar gibt es organisierte Levada-Touren von Veranstaltern, aber mit eigenem Auto kommst du zu den abgelegenen Wanderwegen, wo du stundenlang keinem Menschen begegnest.
Levadas – Die Wasserkanäle, die du erwandern musst
Das Levada-System auf Madeira ist über 500 Jahre alt. Die Kanäle transportieren Wasser von den regenreichen Bergen im Norden zu den trockenen Feldern im Süden. Entlang jedes Kanals läuft ein schmaler Wartungsweg – und genau diese Pfade haben Madeira zur Wanderinsel gemacht.
Levada do Caldeirão Verde
Eine der beliebtesten Routen. 13 km hin und zurück durch Lorbeerwald, durch vier von Hand gehauene Tunnel (Stirnlampe mitnehmen!), vorbei an senkrechten Felswänden mit Wasserfällen. Am Ende ein grüner Kessel, in den 100 Meter hohe Wasserfälle stürzen. Die Wanderung ist leicht, aber schmal – wer Höhenangst hat, sollte sich das überlegen.
Levada das 25 Fontes
Einfacher und familientauglich. 4,6 km bis zu einem Amphitheater aus Felsen, wo 25 Quellen aus der Wand sprudeln. Der Weg führt durch Eukalyptus- und Lorbeerwälder, ist breit und sicher. Perfekt für den ersten Levada-Tag.
Levada do Rei
Weniger bekannt, deshalb oft leer. Der Pfad führt durch einen märchenhaften Wald mit moosbehangenen Bäumen. 10,5 km, keine Tunnel, keine Höhenangst-Momente. Nur du, das Plätschern des Wassers und Madeiras grüne Seele.
Wichtig: Manche Levadas sind nur 30 cm breit, mit hundert Meter tiefem Abgrund daneben. Kein Scherz. Feste Schuhe mit Profil sind Pflicht, keine Flip-Flops.
Pico Ruivo & Pico do Arieiro – Gipfelglück über den Wolken
Madeiras höchster Berg ist der Pico Ruivo mit 1.862 Metern. Die Wanderung vom Pico do Arieiro (1.818 m) dorthin gehört zu Europas spektakulärsten Höhenwegen. 12 km durch eine Vulkanlandschaft, die wie ein Science-Fiction-Film aussieht.
Du startest am Parkplatz Pico do Arieiro. Meistens stehst du über den Wolken – die liegen auf Madeira oft bei 1.400-1.600 Metern. Unter dir ein weißes Wolkenmeer, über dir blauer Himmel, um dich herum zerklüftete Vulkanfelsen in Rot-, Grau- und Ockertönen.
Der Weg ist gut ausgebaut, aber steil. Du gehst durch handgeschlagene Tunnel, über in den Fels gehauene Treppen, vorbei an Abgründen. Nach 3-4 Stunden stehst du auf dem Pico Ruivo. Bei guter Sicht siehst du die ganze Insel – im Norden die grünen Berge, im Süden Funchal, im Osten die Halbinsel São Lourenço, im Westen Paul da Serra.
Tipp: Früh starten. Ab 8 Uhr kommen die organisierten Gruppen. Wer um 6 Uhr losläuft, hat den Berg für sich und erlebt den Sonnenaufgang über den Wolken.
Alternativ fährst du mit dem Auto zum Achada do Teixeira – von dort sind es nur 2,8 km zum Gipfel. Ideal für Familien oder wenn das Wetter nur kurz mitspielt.
Funchal – Mehr als nur Startpunkt
Funchal ist keine Boomtown mit Bettenburgen, sondern eine Stadt, die ihre Geschichte zeigt. Die Altstadt Zona Velha war lange heruntergekommen, bis sich Straßenkünstler der Häuser annahmen – heute ist jede Tür ein Kunstwerk. In den Gassen riechst du Espada (Degenfisch) mit Banane, Madeiras skurrilem Nationalgericht.
Mercado dos Lavradores
Der Markt öffnet früh. Hier kaufen Einheimische Obst, Gemüse, Fisch. Die Fischhändlerinnen sind legendär – laut, direkt, mit Messern so groß wie Säbel. Im oberen Stock liegen Blumen gestapelt: Strelitzien, Proteas, Anthurien in Größen, die zuhause im Gartencenter ein Vermögen kosten würden. Samstag ist der beste Tag.
Monte & die Korbschlitten
Mit der Seilbahn fährst du in 15 Minuten von Funchal nach Monte (560 m hoch). Oben warten der Tropengarten Monte Palace und die Wallfahrtskirche Nossa Senhora do Monte. Der Rückweg: Im Korbschlitten. Zwei Männer in Strohhüten und Gummisohlen lenken einen Korbsessel auf Kufen – mit bis zu 40 km/h geht's 2 km bergab über Kopfsteinpflaster. Touristisch? Ja. Trotzdem ein Erlebnis.
Botanischer Garten
Madeira hat über 3.000 Pflanzenarten. Im Jardim Botânico siehst du einen Bruchteil davon: Baumfarne aus Neuseeland, Proteas aus Südafrika, Strelitzien aus Madagaskar. Für Pflanzen-Nerds ist das hier das Paradies.
Porto Moniz – Baden im Lavapool
Im Nordwesten liegt Porto Moniz, ein kleiner Ort mit den berühmtesten Naturschwimmbecken der Insel. Vor Millionen Jahren floss hier Lava ins Meer und formte beim Abkühlen Becken im Gestein. Heute sind sie mit Meerwasser gefüllt, während dahinter die Atlantikwellen gegen die Klippen donnern.
Das Wasser ist kühl (18-22°C je nach Jahreszeit). Einheimische gehen trotzdem rein – Touristen stehen oft am Rand und testen vorsichtig mit dem großen Zeh. Wer reingehen will: Schnell eintauchen, dann geht's.
Wichtig: Bei hohem Wellengang werden die Pools gesperrt. Wenn der Atlantik richtig wütet, ist das kein Spaß – da fliegen Tonnen von Wasser über die Klippen.
Von Porto Moniz aus fährst du die alte Küstenstraße Richtung Seixal – eine der spektakulärsten Strecken der Insel. Einspurige Tunnel durch Wasserfälle, Blicke auf 300 Meter hohe Klippen, hinter jeder Kurve eine neue Aussicht. Für nervöse Beifahrer nicht geeignet.
Madeira-Wein & Weinproben
Madeira-Wein ist ein Exportschlager seit dem 16. Jahrhundert. Es ist ein aufgespriteter Süßwein, der durch Erhitzen in sogenannten Estufas (Heizkammern) seinen typischen Karamell-Geschmack bekommt. Es gibt vier Hauptsorten: Sercial (trocken), Verdelho (halbtrocken), Bual (süß), Malmsey (sehr süß).
Blandy's Wine Lodge in Funchal bietet tägliche Führungen. Du siehst die alten Fässer, riechst den süßen Duft aus dem Holz und probierst am Ende vier Jahrgänge. Ein 10-Jahres-Malmsey ist süß, schwer und erinnert an Rosinen und Karamell. Ein 40 Jahre alter Sercial kostet pro Flasche so viel wie ein Wochenende auf Madeira.
Madeira-Wein hält ewig. Geöffnete Flaschen halten Monate, manche Jahrgänge sind über 150 Jahre alt und immer noch trinkbar. Perfektes Souvenir – und einer der wenigen Weine, den du im Koffer transportieren kannst, ohne dass er leidet.
Wann du nach Madeira fliegen solltest
Madeira hat keine Saison im klassischen Sinn. Das Klima ist das ganze Jahr über frühlingshaft mild.
Winter (Dezember-März): 17-20°C, mehr Regen im Norden, blühende Mimosen im Februar. Die Insel ist grün wie nirgendwo sonst. Gut für Wanderungen, aber pack eine Regenjacke ein.
Frühling (April-Juni): Perfekt. 18-23°C, kaum Regen, alles blüht. Die Jacaranda-Bäume in Funchal tauchen die Stadt in Lila. Beste Zeit für Levada-Wanderungen.
Sommer (Juli-September): 22-26°C, trocken und sonnig. Meerwasser ist am wärmsten (21-23°C in den Pools). Mehr Touristen, höhere Preise, aber verlässliches Wetter.
Herbst (Oktober-November): Angenehme 20-24°C, die Touristenströme sind weg, die Hotels haben wieder Platz. Immer noch gutes Wanderwetter.
Wichtig: Das Klima variiert extrem je nach Höhe und Lage. In Funchal sind 24°C, auf dem Pico Ruivo 8°C. Im regenreichen Norden regnet es, während der Süden sonnig bleibt. Schichten kleiden ist die Devise.
Was Pauschalreisen nach Madeira kosten (realistisch)
Eine Woche mit Flug und Mittelklasse-Hotel in Funchal kostet:
- Nebensaison (November-März): 450-650€ pro Person bei Frühstück
- Zwischensaison (April-Juni, September-Oktober): 600-850€
- Hochsaison (Juli-August, Silvester): 800-1.200€
Silvester auf Madeira ist legendär – das größte Feuerwerk der Welt laut Guinness-Buch. Hotels verdoppeln die Preise, viele verlangen Mindestaufenthalt von 5-7 Nächten.
All-Inclusive gibt es kaum auf Madeira. Die meisten Hotels bieten Halbpension an. Das reicht – die Restaurants in Funchal sind gut und bezahlbar (Hauptgericht 12-18€).
Mietwagen: 20-35€ pro Tag für Kleinwagen. Für steile Bergstraßen lieber ein Auto mit mehr PS nehmen.
Drei Dinge, die niemand über Madeira erzählt
1. Die Südküste ist anders als der Norden
Funchal und die Südküste: sonnig, trocken, touristisch. Der Norden: grün, feucht, ursprünglich. Wenn du Ruhe suchst, wohn im Norden (Santana, São Vicente) – aber rechne mit mehr Regen und Wolken.
2. Strände gibt es doch (künstlich)
In Calheta und Machico wurden künstliche Sandstrände mit marokkanischem Sand angelegt. Klein, aber existierend. Für Leute, die ohne Sand nicht können.
3. Espada schmeckt bizarr
Degenfisch mit gebratener Banane. Klingt absurd, ist absurd, schmeckt aber vielen. Der Fisch kommt aus 1.000 Meter Tiefe und sieht aus wie ein schwarzer Aal mit Killergebiss. In Funchal steht er auf jeder Speisekarte.
Häufige Fragen von Leuten, die noch nie hier waren
"Kann man im Meer schwimmen?"
Ja, in den Naturpools oder von den Lavaplattformen. Der Atlantik ist wild – direkt von der Küste ins offene Meer springen geht meist nicht. Meerwasser ist kühl: 18°C im Winter, 22°C im Sommer.
"Ist Madeira teuer?"
Günstiger als Schweiz oder Skandinavien, teurer als Festland-Portugal. Essen in Restaurants 12-20€, Bier 2-3€, Espresso 0,80€. Hotels sind im EU-Durchschnitt.
"Brauche ich einen Mietwagen?"
Nicht zwingend. Busse fahren überall hin (wenn auch nicht häufig). Aber mit Auto bist du flexibler für Wanderungen und entlegene Orte. Parken in Funchal ist schwierig, außerhalb problemlos.
"Ist Madeira nur was für Rentner?"
Nein. Madeira zieht Wanderer, Trailrunner, Naturfreunde und alle an, die Ruhe suchen. Partyszene gibt es nicht. Wer Ibiza sucht, ist falsch.
"Welcher Flughafen?"
Es gibt nur einen: Funchal (FNC). Der Anflug ist spektakulär – die Landebahn wurde auf Stelzen ins Meer gebaut. Piloten brauchen eine Sondergenehmigung für diese Landung.

